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Diagnose – Weg der Neuorientierung

Wir fühlen uns oft unverwundbar, schwere Krankheiten sind weit weg und betreffen scheinbar nur die Anderen. Aber was passiert mit uns und unserem Umfeld, wenn die gewohnte Gesundheit plötzlich einer lebensverändernden ärztlichen Diagnose weicht?

Wahrnehmen

In der Regel bespricht der behandelnde Hausarzt oder die behandelnde Hausärztin die Diagnose. Er oder sie übernimmt auch an erster Stelle die Aufklärung über die Auswirkungen der Krankheit und die weiteren und unmittelbaren Vorgehensweisen der Therapie, einschließlich möglicher operativer Eingriffe und Abwägungen der Konsequenzen und Risiken. Auch kann man sich dort meist über ein Netzwerk an sozialen Einrichtungen, Selbsthilfegruppen, psychologischer Betreuung u.v.m. aufklären und sich gegebenenfalls schon Empfehlungen geben lassen. Ein weiterer Schritt ist es, die Zuständigkeit während der Therapien herauszufinden. Wer hält während der gesamten Behandlung die Fäden in der Hand, ist es der Hausarzt, die Fachärztin oder eine andere medizinische Stelle?

Erst jetzt beginnt die Phase des Realisierens, des Wahrnehmens und des Handelns.

Realisieren

Eine lebensverändernde Diagnose zu bekommen, ist ein tiefgreifender Einschnitt in unser bisheriges Leben. Es reißt uns förmlich aus unserer heilen Welt. Tief geschockt, gelähmt, verwirrt und angstvoll sind meist die ersten Momente danach. Gefühle stürzen über einen herein. Ein klarer Gedanke kann da, in den meisten Fällen, noch nicht gefasst werden.

Aber: Wie vorgehen, was ist zu tun nach der Diagnose, wie sage ich es meinen Liebsten, was hat es für Auswirkungen auf mein bisheriges Leben, welche Therapien gibt es und was ist gut für mich? Sicher gibt es noch viele weitere individuelle Fragen, die es in diesem Moment zu erörtern gibt.

In dieser Phase kann eine Art Trauer in uns einkehren und die Frage nach einer Gerechtigkeit: Warum ich? Wir werden von unseren Gefühlen überwältigt. Trauer ist wichtig, sie verarbeitet eine Tatsache, die nicht zu ändern ist, jenseits einer Opferrolle. Hilfreich ist, mit den Tatsachen Frieden zu schließen und sich darauf vorzubereiten den nächsten Schritt zu gehen.

Andere wiederum kommen in eine Art „wilden Aktionismus“, auch dies ist ein Schutzmechanismus unserer emotionalen Verarbeitung. Ein Quäntchen Wut veranlasst uns zum Handeln, und das heißt Veränderung, ins Tun kommen und somit Verantwortung übernehmen.

Eine Diagnose kann einen Menschen auch in eine Lebenskrise stürzen, und er wird damit leider allzu oft allein gelassen. Unterdrückte Gefühle, Scham und bisweilen unbeholfene Botschaften des Umfeldes können zudem noch zur Verdrängung beitragen. Bei der Bewältigung und der Verarbeitung von Gefühlen und Gedanken, egal wie sie sich individuell äußern, ist es wichtig, sich auf der emotionalen Ebene ernst zu nehmen, diese Gefühle zuzulassen und ihnen den so wichtigen Raum zu geben, und vor allem sich nicht zu scheuen, professionelle Unterstützung zu holen.

Zum Beispiel begleitet die Psychoonkologie an Krebs erkrankte Menschen und ihre Angehörigen während der Krankheit. Neben dem Sozialpsychiatrischen Dienst und anderen Institutionen des psychiatrischen Versorgungssystems bietet der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) Hilfe, Beratung und Betreuung für Angehörige und ihre erkrankten Familienmitglieder.

Das Umfeld

Das Umfeld können Familie, Freunde, Arbeitgebende, Arbeitsumfeld, Verein, Versicherungen sein, um nur einige zu nennen. D.h. alle Personen oder Gruppen, die direkt oder indirekt von einer Entscheidung, Aktivität oder einem Ergebnis betroffen sind. Je nachdem in welcher Beziehung man zu seinem nächsten, näheren oder entfernten Umfeld steht, sind die Kommunikation und die Weitergabe von Informationen sehr unterschiedlich.
Das nächste Umfeld möchte man vielleicht im ersten Impuls schützen: „Das kann ich nicht erzählen, die Sorge um mich wäre sonst zu groß“. Aber gerade sie können oft besser mit der Diagnose und deren Auswirkungen umgehen, als nur mit dem Gefühl, dass etwas nicht stimmig ist. Eine gemeinsame Allianz schmieden, ehrlich über den Verlauf und die verschiedenen vorhandenen Gefühle sprechen ist jetzt wichtig.

Zudem kommt dann noch die Besorgnis der Angehörigen. Denn auch sie werden mit ihren eigenen Gefühlen und mit dem veränderten Umgang mit dem Betroffenen beschäftigt sein. Eine aufreibende Therapie, häusliche Pflege oder eine Erkrankung, die die betroffene Person im eigenen Wesen verändern kann, hinterlassen psychische wie physische Spuren bei den Angehörigen. Oftmals sind sie es, die gar nicht auf den Gedanken kommen, sich selbst auch Hilfe zu holen oder einzufordern. Ein verständnisvoller zugewandter Umgang miteinander erleichtert die eh schon schwere Situation.

Deutschland bietet mit geschätzten 100.000 Selbsthilfegruppen ein breit gefächertes Angebot an Hilfen für Betroffene und deren Angehörige.

Um die Kommunikation und die Weitergabe von Informationen zum eher organisatorischen Umfeld zu erleichtern, kann es hilfreich sein, eine Übersicht zu erstellen:

Wer (und in welchem Ausmaß) ist noch von der Diagnose betroffen? Welche Informationen sollen bzw. müssen weitergegeben werden? Ergibt sich daraus ein Handlungsbedarf? In welchem zeitlichen Rahmen?

Hilfe annehmen

Eine lebensverändernde Diagnose und die daraus auch oft länger andauernde Therapiephase ist bereits eine große Herausforderung. Dazu kommen vielfältige organisatorische Herausforderungen, wie z.B. der Kontakt zur Krankenkasse und des Rentenversicherungsträgers, die Abklärung der Therapieoptionen und die Suche nach einer geeigneten Akut- oder Rehaklinik und nicht zuletzt die Frage der sozialen Absicherung. Daher ist es so wichtig, die eigene Situation realistisch und angemessen zu beurteilen, Belastungen zu definieren, eigene Bedürfnisse und Wünsche wahrzunehmen und Grenzen zu erkennen. Auch ganz pragmatische Dinge des Alltags gilt es zu besprechen und zu klären, wie die zukünftige Arbeits- und Aufgabenverteilung. Ein offenes Gespräch darüber kann daher sehr entlastend sein und helfen, eine Überforderung während dieser Zeit zu vermeiden.

Egal ob die Unterstützung aus dem nächsten Familien- oder Freundeskreis oder von einer professionellen Stelle kommt, wichtig ist es, sich zu öffnen und es zuzulassen, die Verantwortlichkeiten und Aufgaben neu zu definieren. Denn in erster Linie benötigen die Betroffenen alle Kraft zur Genesung!

Hilfreich kann auch ein „Therapie-Tagebuch“ sein. Die nächsten Schritte notieren, Visitenkarten und Flyer sozialer Einrichtungen darin sammeln, offene Fragen vermerken und Zuständigkeiten abklären – und so den Überblick behalten.

Perspektiven schaffen

Die Diagnose kann man nicht ändern, aber man kann den Umgang damit verändern. Im Artikel „Resilienz – Starke sanfte Seele“ des Klösterl-Journals Nr. 56 wurde u.a. eine wichtige Säule daraus vorgestellt: Die Akzeptanz. Bei einer lebensverändernden Diagnose kann man durchaus von der Krisenakzeptanz sprechen. Aus einer Krise Chancen ziehen und den eigenen Möglichkeitsrahmen dadurch neu definieren. Sich auf das Positive „was alles noch möglich ist“, fokussieren und dem „was nicht mehr machbar ist“ kein Gewicht mehr verleihen. Kleine Ziele setzen und Erfolge feiern, all das kann uns helfen, unsere Perspektive zu ändern.

„Alles, was man für die Heilung tut, mit Freude tun.“
Dr. György Irmey

Und nicht zuletzt ist die Hoffnung ein starker Antrieb im Heilungsprozess.

Hoffnung ist, nach dem Philosophen und Medizinethiker Giovanni Maio, ein Offensein für das, was kommen wird und was wir nicht ändern können und ein Vertrauen darauf, es bewältigen zu können.

Hoffnung spielt daher eine wichtige Rolle für unser psychologisches Wohlbefinden und die physische Gesundheit. Hoffen auf etwas, das Freude macht, macht uns glücklich. Hoffen spornt an und setzt innere Kräfte frei.

Setzten Sie auf die Kraft der Zuwendung und Begegnung und bleiben Sie hoffnungsvoll auf Ihrem Weg! 


In Kürze zusammengefasst:

  • Sich gut informieren
  • Realisieren und Gefühle wahrnehmen
  • Zuständigkeit während der Therapie herausfinden
  • Situation realistisch betrachten
  • Wer ist von der Diagnose alles direkt und indirekt betroffen?
  • Hilfe zulassen und einfordern
  • Arbeit und Verantwortung verteilen
  • Beratungsstellen auch für Angehörige wahrnehmen: Wir sind nicht alleine
  • Perspektiven schaffen und gemeinsam nach vorne schauen

Buchtipps:

  • Den kranken Menschen verstehen. Für eine Medizin der Zuwendung.
    Prof. Giovanni Maio. Herder Verlag.
  • Die Kunst des Hoffens. Kranksein zwischen Erschütterung und Neuorientierung.
    Prof. Giovanni Maio. Herder Verlag.
  • Gefühle & Emotionen. Eine Gebrauchsanweisung.
    Vivian Dittmar. Verlag VCS Dittmar, Edition Est.

Autorin
Iris Beck
Redakteurin Klösterl-Journal