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Blut – Gesundheit verstehen statt nur messen

Je nach Größe und Gewicht zirkulieren vier bis sechs Liter Blut durch das Gefäßsystem des Körpers. Es transportiert Sauerstoff aus der Lunge und Nährstoffe, Vitamine und Mineralstoffe aus dem Darm zu den Organen. In den Geweben gebildete biochemisch aktive Botenstoffe sowie schädliche Stoffwechselprodukte werden über die Blutbahn abgegeben und im ganzen Körper verteilt. Während die Botenstoffe an den verschiedensten Organen wirken, können diese Organe durch die schädlichen Stoffwechselprodukte in ihrer Funktion beeinträchtigt werden. Alle im Blut gelösten Stoffe gelangen nach und nach auch zu den Entgiftungsorganen Leber und Niere. Von dort werden sie entweder über den Darm oder die Blase ausgeschieden oder dem Blut für den Stoffwechsel wieder zugeführt. Darüber hinaus trägt das Blut dazu bei, die Körpertemperatur und den Säure-Basen-Haushalt stabil zu halten – wichtige Voraussetzungen für einen funktionierenden Stoffwechsel.

Bloody Cocktail

Das Blut setzt sich aus einer wilden Mischung von Bestandteilen zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Es wird in einen flüssigen Anteil, das Plasma, und einen festen Bestandteil, die Zellen, unterteilt. Zu diesen gehören die roten und weißen Blutkörperchen sowie die Blutplättchen. Der prozentuale Anteil dieser Zellen im Blut wird als Hämatokrit bezeichnet. Die roten Blutkörperchen, die Erythrozyten, transportieren mithilfe des Hämoglobins Sauerstoff zu den Körperzellen. Die weißen Blutkörperchen, die Leukozyten, sind Immunzellen, zu denen unter anderem Monozyten, Granulozyten und Lymphozyten gehören. Sie helfen sowohl im Blut als auch in jedem Gewebe, Fremdstoffe (z. B. Krankheitserreger) zu erkennen und abzuwehren. Die Blutplättchen (Thrombozyten) bringen Blutungen zum Stillstand und sorgen für einen ersten Wundverschluss. Im Plasma sind Nährstoffe, Salze, Eiweiße (Proteine), Botenstoffe (unter anderem Hormone) und Stoffwechselprodukte in Wasser gelöst. Zu diesen Eiweißen zählen das Fibrin und die Blutgerinnungsfaktoren. Sie führen die Arbeit der Thrombozyten bei der Blutgerinnung weiter und gewährleisten gemeinsam einen stabileren Wundverschluss (Schorf). Die im Plasma befindlichen Transportproteine, darunter Albumin, binden wasserunlösliche Stoffe (z. B. Hormone, Nährstoffe wie Eisen, Spurenelemente und Mineralien, fettlösliche Vitamine, Fette sowie Medikamente) und transportieren diese über den Blutfluss zu ihrem Wirkort. Erst durch Abkopplung vom Transportprotein kann der stoffwechselaktive Stoff an oder in der Zielzelle wirken. Albumin spielt darüber hinaus eine zentrale Rolle für den Flüssigkeitshaushalt im Körper. Weitere erwähnenswerte Eiweißstrukturen sind die als Antikörper bezeichneten Immunglobuline. Sie sind die spezifischsten Mitglieder des Immunsystems. In den Lymphozyten gebildet, fangen sie ganz gezielt Fremdstoffe ein, um sie unschädlich zu machen.

Eine Gruppe roter Herzen auf rosa Hintergrund, wobei zwei Pflaster über dem mittleren Herzen ein X bilden – als Symbol für die Heilung oder das Wiederzusammenfügen eines gebrochenen Herzens – eine künstlerische Erinnerung daran, wie wichtig Gesundheit und Verständnis (verstehen) im Prozess der emotionalen Genesung sind.

Weder klein noch groß

Blutuntersuchungen zählen heute zu den wichtigsten diagnostischen Verfahren in der Medizin. Denn bereits vor dem Auftreten erster Anzeichen einer Erkrankung verändert sich die Zusammensetzung des Blutes bei vielen Krankheitsbildern. Je nachdem, welcher Blutwert ermittelt werden soll, wird für die Analyse das Vollblut, das Blutserum oder das Plasma verwendet. Das Blutserum ist der flüssige Anteil, der übrig bleibt, nachdem das Blut geronnen ist und zentrifugiert wurde. Es enthält keine Gerinnungsfaktoren und Blutzellen mehr. Im Plasma hingegen verbleiben durch die Zugabe eines gerinnungshemmenden Reagenzes alle Gerinnungsfaktoren in Lösung. Während das Plasma nur in Notfällen zur schnellen Wertebestimmung herangezogen wird, dient die Untersuchung des Serums der quantitativen Bestimmung der gelösten Blutbestandteile (unter anderem Cholesterin, Blutfette, Vitamine, Spurenelemente, Mineralstoffe, Hormone und Stoffwechselprodukte wie Bilirubin). Aus dem Vollblut ermittelt das Labor das kleine und große Blutbild sowie die Vollblutmineralstoffanalyse, mit der sich alle in den Zellen befindlichen Mineralstoffe analysieren lassen. Das kleine Blutbild liefert Informationen über Erythrozyten, Leukozyten und Thrombozyten sowie über den Hämatokrit- und den Hämoglobinwert. Weicht einer dieser Werte vom Normbereich ab, kann dies erste Hinweise auf einen Nährstoffmangel, eine Entzündung oder eine Infektion liefern. Auch das große Blutbild, Differentialblutbild genannt, bei dem die Anzahl der einzelnen Leukozyten-Untergruppen angegeben wird, gibt keinen vollständigen Aufschluss über den tatsächlichen Gesundheitszustand. Weitere (Ausschluss-)Untersuchungen, die die Gesamtheit der Symptome des Patienten berücksichtigen, sind wichtige Puzzleteile auf dem Weg zur Diagnosestellung.

Und wie gesund bin ich nun?

Der Wunsch, bis ins hohe Alter möglichst fit zu bleiben (Longevity), treibt viele Menschen an, ihre Blutwerte zu optimieren. Labore bieten zahlreiche Diagnostikwerte zur Abklärung an. Kürzlich wurde ein neues Verfahren für die Low-Dose-Lithiumtherapie zur Prävention degenerativer Alterserkrankungen entwickelt, um den Lithiumbedarf und den Therapieverlauf überwachen zu können. Je intensiver man die individuellen Faktoren berücksichtigt – gesundheitliche und familiäre Vorbelastungen, genetische Dispositionen, ethnische Abstammung, Geschlecht, Alter, Wohnort, Lebensstil sowie die Gesamtheit der Beschwerden und Symptome –, desto präziser kann man in die Prävention bzw. Therapie einsteigen.
Liegt beispielsweise eine familiäre Belastung durch eine Schilddrüsenerkrankung vor, kann man den Arzt um eine umfangreiche Schilddrüsendiagnostik bestehend aus mehreren Laborwerten und einem Ultraschall bitten. Eine Person über 40 kann über spezielle Laborwerte ihr individuelles Risiko für eine Insulinresistenz oder eine Herz-Kreislauferkrankung überprüfen lassen. Zeigen sich erste Anzeichen einer Tendenz, kann man präventiv regulieren, anstatt die Erkrankung chronisch werden zu lassen.

Eine Blutprobe in einem Plastikröhrchen liegt auf einem ausgedruckten medizinisch-labortechnischen Befundbericht, unter dem verschiedene Untersuchungsbezeichnungen und Werte zu sehen sind – so können Sie die für Ihre Gesundheit wichtigen Details besser verstehen.
Blutprobe

Check der Mikronährstoffe

Deutschland ist ein Jod- und Selenmangelgebiet. Aufgrund der Umweltverschmutzung und des dadurch bedingten Rückgangs des Verzehrs von Seefisch kann es zu einem Mangel an Omega-3-Fettsäuren kommen. Alle drei sind wichtige Nährstoffe im Stoffwechsel, beispielsweise für die Bildung von Schilddrüsenhormonen, den Zellaufbau und das körpereigene antientzündliche System. Eine Mikronährstoff-Blutanalyse kann für Personen hilfreich sein, die aufgrund von Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten eine spezielle Diät einhalten, die aufgrund einer chronischen Krankheit einen erhöhten Bedarf an Nährstoffen haben oder die durch die Einnahme von Medikamenten eine reduzierte Nährstoffaufnahme als Nebenwirkung erleiden (z. B. Vitamin B12 bei der Einnahme des Antidiabetikums Metformin), sowie für alle diejenigen, die ihren Lebensstil mit Blick auf eine gesunde Lebensführung ausrichten möchten. Bevor jedoch Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden, sollte geklärt werden, warum ein Mangel entstanden ist. Denn nicht immer liegt die Ursache in einer unzureichenden Ernährung, sondern auch Resorptionsstörungen im Darm können eine Rolle spielen.

Alles normal

Im schriftlichen Befund der Laboruntersuchung ist hinter jedem Blutwert ein Referenzbereich angegeben. Anhand dessen kann man erkennen, ob der jeweilige Blutwert im Normalbereich liegt. Jedes Labor ermittelt diesen Referenzbereich aus statistischen Daten. Es handelt sich um das Intervall, in dem die Werte von 95 % der getesteten Personen liegen.

Diese Kohorte schließt auch Werte von Personen ein, die bereits chronisch erkrankt sind oder unter unentdeckten Mangelzuständen leiden, d. h. es sind auch Ergebnisse der Menschen enthalten, die nicht zwingend gesund sind. Hier entsteht die Lücke zwischen dem „normalen“ Referenzwert und dem „individuell optimalen“ Bereich für eine möglichst gute Stoffwechselfunktion. Das belegen bei der Versorgung mit Vitamin D Studien, die besagen, dass nicht der untere Referenzwert von 30 ng/ml, sondern ein Wert von 40 bis 60 ng/ml im Blut anzustreben ist.

Präzisionsmedizin

Man kann sein Blut über Selbsttests oder externe Labore inklusive einer einmaligen ärztlichen Online-Ergebnisbesprechung untersuchen lassen. Dabei sollte man sich bewusst machen, dass eine Blutwertbestimmung stets eine Momentaufnahme ist – ein „Selfie” der biochemischen Vorgänge im eigenen Körper. Regelmäßige Blutuntersuchungen und die Beobachtung der Werte über einen längeren Zeitraum in Verbindung mit den persönlichen Beschwerden und Symptomen helfen dabei, den Gesundheitszustand besser zu bewerten. Wichtig ist, die Ergebnisse nicht allein und vor allem nicht isoliert zu betrachten, sondern sie gemeinsam mit einer fachkundigen, therapeutisch erfahrenen Person zu besprechen, die sich mit der Komplexität des Stoffwechsels auskennt.

Ein Beispiel dafür ist auch Vitamin D, das nur mit Magnesium aktiviert wird. Eine ausreichende Versorgung dieses Mineralstoffs sollte in der Therapie einbezogen werden.

Die individuelle Interpretation der Blutwerte sowie die daraus abgeleitete Therapie erfolgt idealerweise durch den Therapeuten, der die Untersuchungen angefordert hat. So entsteht aus Zahlen ein tieferes Verständnis für den eigenen Körper.

Eine deutsche Checkliste enthält Tipps zur Vorbereitung auf eine Blutuntersuchung, darunter Hinweise zum Fasten, Richtlinien zur Einnahme von Medikamenten, Empfehlungen zu Nahrungsergänzungsmitteln, den richtigen Zeitpunkt für Hormonuntersuchungen sowie genaue Hinweise dazu, wie Gesundheit und Werte richtig gemessen werden können.

Autorin

Bettina Wadewitz

Klösterl-Redakteurin und Apothekerin