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Rush Hour des Lebens – Zwischen Familienglück und völliger Überlastung
Alle Eltern mit Kleinkindern besitzen gefühlt übermenschliche Fähigkeiten! Trotz jahrelangen Schlafmangels, akuter Mehrfachbelastung und kaum Zeit für sich selbst, stehen sie jeden Morgen auf, managen den Alltag und haben abends immer noch genug Kraft, die Küche aufzuräumen oder die Wäsche zu waschen!
Aber wie kann das auf Dauer gutgehen? Schlafmangel wirkt sich nachweislich auf Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit aus. Und doch halten viele Eltern diesen Dauerzustand über Jahre durch. Ein Baustein dafür ist unser Bindungshormon Oxytocin. Es wird unter anderem durch Körperkontakt, Stillen und Kuscheln ausgeschüttet. Es stärkt die Bindung zwischen Eltern und Kind, kann den Stresspegel senken und die Schmerzwahrnehmung dämpfen. Damit ist es kein Zaubermittel – aber es kann helfen, anstrengende Phasen etwas besser zu überstehen.
Rush Hour des Lebens
Die Rush Hour des Lebens
Zwischen dem 30. und 45. Lebensjahr befinden sich viele Menschen in einer ganz besonderen Lebensphase: Beruflich stehen oft neue Karriereschritte, mehr Verantwortung oder sogar der Start in die Selbstständigkeit an. Gleichzeitig ist es häufig die Zeit der Familiengründung mit Schwangerschaft, Baby- und Kleinkindjahren.
In vielen Unternehmen werden in dieser Phase die Weichen gestellt: Wer wird für die nächste Karrierestufe gefördert, wer nicht? Auch wenn Frauen in Teilzeit bei der Talentförderung noch immer häufiger übersehen werden, gelten für viele die „drei K“ für Kinder, Kita, Karriere.
Daher ist der Druck, die Erwartungen von Vorgesetzten und anderen im Team zu erfüllen – oder sogar zu „overperformen“ – sehr hoch. Außerdem erleben viele Mütter in Teilzeit, dass sie zusätzlich beweisen müssen, dass sie trotz Care-Arbeit genauso leistungsfähig sind, wie die Kolleg:innen ohne Verpflichtungen jenseits des Jobs.
Wenn der Kopf platzt: Mental Load
Die mentalen Anforderungen, die in dieser Familienphase zu bewältigen sind, entsprechen einem Hochleistungsprogramm in Sachen Organisation und Planung. Zusätzlich zu den beruflichen Aufgaben kommt das familiäre Organisationsprogramm: Wer bringt die Kinder heute in die Kita, wer holt wen ab? Was braucht es für den nächsten Kindergeburtstag? Wann war noch der U-Untersuchungstermin? Wie ist der Stand beim Wäscheberg, Kühlschrank und Steuererklärung?
Nach wie vor übernehmen Frauen häufig den größeren Teil der Care-Arbeit und der unsichtbaren Organisationsarbeit im Alltag. Dieser Mental Load liegt daher oft vor allem bei den Müttern. Viele Männer erleben wiederum hohen Druck, wenn sie im Beruf viel Verantwortung tragen und dort wenig Verständnis für familiäre Verpflichtungen finden.
Für beide Elternteile gilt: Wenn beruflicher, familiärer und häufig auch noch finanzieller Druck dauerhaft zu hoch sind, kann die Belastung irgendwann nicht mehr ausgeglichen werden. Im Extremfall kann eine lang andauernde Überlastung zu einem Eltern-Burnout führen – einem Zustand tiefer emotionaler und körperlicher Erschöpfung.
Und wo bleibe ich?
Mitten im Trubel der Rush Hour des Lebens taucht manchmal die leise Frage auf:
„Da war doch früher noch jemand außer Kindern und Job – ich selbst. Wo bin ich eigentlich geblieben?“
Viele stellen dann fest, dass sie die Beziehung zu sich selbst über längere Zeit vernachlässigt haben und sich nicht mehr gut um die eigene Gesundheit und das eigene Wohlbefinden gekümmert haben. Dabei ist eine bewusste Selbstfürsorge einer der wichtigsten Schlüssel, um gerade in dieser Lebensphase ausreichend Kraft und Resilienz zu haben.
Bei vielen Müttern kommt hier noch die „Working Mom Guilt“ hinzu: Das Gefühl, dass man niemandem wirklich zu 100 % gerecht werden kann. Das schlechte Gewissen, dass man weder Kind oder Partner noch Job oder sich selbst gegenüber die volle Aufmerksamkeit schenken kann, lässt oft die Sorge für andere an oberste Stelle rutschen – und die Selbstfürsorge an den letzten Platz.
Die gute Nachricht ist, dass es gar nicht erforderlich ist, jedem Bereich des Lebens ständig zu 100 % gerecht zu werden. Entscheidend ist, die eigenen Lebensbereiche im Blick zu behalten und regelmäßig kleine Schritte für jeden davon zu tun.
Die Lebensblume
Um die eigenen Bedürfnisse und Lebensbereiche zu kennen und nicht aus dem Blick zu verlieren, hilft das Modell der Lebensblume. Die Blütenblätter stehen jeweils für einen Lebensbereich z. B. Familie, Beruf, Gesundheit, Partnerschaft, Freunde, Finanzen, Spiritualität etc. Zuerst wird für jeden Lebensbereich der Idealzustand beschrieben: Wie würde es aussehen, wenn dieser Bereich gerade „in voller Blüte“ wäre? Anschließend wird jedes Blütenblatt so weit ausgemalt, wie dieser Lebensbereich im Moment erfüllt ist.
Einige Blütenblätter sind vielleicht kräftig ausgemalt, andere nur angedeutet, manche vorübergehend ganz leer. Die Blume wirkt dann nicht mehr ganz rund – aber sie kann trotzdem leben und wachsen.
Die Lebensblume macht sichtbar: Nicht alle Lebensbereiche müssen gleichzeitig in voller Blüte stehen. Wichtig ist, dass kein Bereich dauerhaft völlig aus dem Blick gerät und dass jedem Bereich im richtigen Maß Raum gegeben wird.
Alles zu seiner Zeit
In der Phase mit kleinen Kindern und beruflichen Anforderungen bleibt zwangsläufig wenig freie Zeit. So ist es natürlich und normal, dass in dieser Lebensphase die Pflege von Freundschaften, die sportlichen Ambitionen und Zeit für Partnerschaft vorübergehend weniger Platz haben.
Oft verändert sich auch die Paarbeziehung: Aus der früheren Liebesbeziehung wird eine Co-Elternschaft mit gemeinsamer Jobbeschreibung. Umso wichtiger ist es, Erwartungen offen anzusprechen und gemeinsam auf die eigene Lebensblume zu schauen.
- Wie können wir als Paar im Alltag kleine, aber regelmäßige Inseln für uns schaffen?
- Wie bekommt jede:r von uns auch Zeit und Freiraum für persönliche Interessen?
- Welche Ansprüche dürfen wir vorübergehend loslassen, damit wir alle nicht in Überlastung geraten?
Regelmäßig innezuhalten und zu fragen: „Was ist mir in dieser Lebensphase wirklich wichtig – und was ist realistisch möglich?“ ist ein wesentlicher Schritt zu mehr Gelassenheit.
Happy Life
Ist das alles immer leicht umzusetzen? Keineswegs. Kann es trotzdem gelingen? Ja, wenn wir unsere Lebensblume im Blick behalten und uns erlauben, in der Rush Hour des Lebens nicht alles perfekt, aber dafür mit Herz und Augenmaß zu machen.
Autorin
Cäcila Wallbrecher
Redakteurin Klösterl-Journal und Embodiment-Coach