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Vom Chaos zu Klarheit – auf dem Weg in die innere Mitte
„Zurück in die eigene Mitte“ – kaum eine Formulierung klingt so verheißungsvoll. Was auf den ersten Blick verlockend und greifbar scheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als erstaunlich anspruchsvoll. Es ist nichts, was man in ein paar Seminartagen oder kurzen Coaching-Sessions in einem ohnehin schon vollen Alltag erreichen kann. Zwischen Terminen, Verantwortung und den gefühlten drei freien Minuten am Tag fühlt sich dieses Ziel oft eher wie ein leiser Wunsch an als etwas, was wir einfach einplanen können.
Doch was bedeutet es eigentlich, „in die eigene Mitte“ zu kommen? Und lässt sich das wirklich üben oder sogar lernen? Die Antwort auf diese Frage kann aus vielerlei Perspektiven entstehen, daher setzen wir für diesen Beitrag einmal die IFS-Brille auf.
Welcher Stimme folge ich?
Viele, die sich von dem Ruf in die eigene Mitte angesprochen fühlen, sehnen sich nach innerer Ruhe, Ausgeglichenheit und Balance. Wer jedoch schon einmal versucht hat, aus einem normalvollen Alltag dorthin zu gelangen, weiß, dass die Sache mit der inneren Ruhe nicht so einfach ist. Denn kaum stellt sich ein wenig äußere Ruhe ein, z. B. im Urlaub oder am Wochenende, wird es im Kopf laut und unruhig. Alle möglichen Gedanken, Vorstellungen und Ideen purzeln munter dann darin durcheinander. Eine der inneren Stimmen wünscht sich etwas Entspannung und Müßiggang, da protestiert gleich die nächste Stimme, dass zuerst [… hier bitte eine beliebige Aufgabe im Haushalt oder ein wichtiges Sightseeing-Ziel im Urlaub einsetzen] erledigt werden müsse, bevor man sich erlauben könnte, zur Entspannung überzugehen. Eine dritte Stimme setzt ein, die mahnend daran erinnert, dass man fest versprochen hatte, die liebe Freundin anzurufen, die ihre Sorgen mitteilen möchte und sich einen Rat wünscht. Da fängt die vierte Stimme an zu protestieren, wo das denn hinführen solle, weil man sich doch vorgenommen hatte, mehr Sport zu treiben und regelmäßig laufen zu gehen, was bei den Wetterbedingungen idealerweise gleich stattfinden müsste.
Wie soll man bei dieser Vielzahl an Meinungen und Stimmungen denn nun herausfinden, welche Stimme Recht hat und welche davon am wichtigsten ist? Wer entscheidet das eigentlich?
Häufig folgen wir – ohne viel nachzudenken – der lautesten Stimme in uns, die oft auch am meisten Überzeugungskraft und Druck an den Tag legt. Diese Stimme ist uns sehr vertraut, wir kennen sie gut und wissen wie es sich anfühlt, wenn wir ihren Forderungen Folge leisten. Die Frage, ob diese Stimme die richtige ist, stellen wir uns oft erst dann, wenn es anders nicht mehr weitergeht und z. B. der Körper die Notbremse zieht und signalisiert: „So geht es nicht mehr weiter.“
Klüger wäre es, sich rechtzeitig vorher bewusst zu machen, welche Stimmen und damit inneren Anteile in uns existieren. Dafür ist IFS ein wunderbar einfaches und klares Modell, welches dabei hilft, diese zu erkennen und zu sortieren.
Das IFS-Modell
Das IFS-Modell geht davon aus, dass wir drei Gruppen von Persönlichkeitsanteilen in uns haben, die in jedem gesunden Menschen mehr oder weniger stark ausgeprägt zu finden sind: die Manager, die Feuerbekämpfer und die verbannten Anteile. Die Manager sorgen dafür, dass unser Alltag am Laufen bleibt. Sie sehen ihre Aufgabe darin, uns vor Situationen zu schützen, die uns verletzen oder überfordern könnten. Manager versuchen, uns immer in Sicherheit zu bewahren, und wollen schmerzliche Erlebnisse aus der Vergangenheit zukünftig vermeiden. Häufig helfen sie uns im Alltag gut zu „funktionieren“ und tarnen sich daher als perfektionistische, hilfsbereite oder ehrgeizige Anteile. Die Feuerbekämpfer hingegen werden aktiv bei überwältigenden Gefühlen oder in emotional herausfordernden Situationen. Hier springen sie impulsiv und stark ein, um eine schnelle Erleichterung bei zu viel Schmerz oder Stress zu ermöglichen. Dies zeigt sich oft in Kompensationshandlungen wie z. B. Alkohol- oder Drogenkonsum, Suchtverhalten, emotionales Essen oder Wutausbrüchen. Sie haben das gleiche Ziel wie die Manager – uns vor Verletzungen oder Überforderung zu schützen – nutzen aber viel impulsivere und zerstörerische Strategien dafür.
Die dritte Gruppe sind die verbannten Anteile, die tiefsitzende Schmerzen, Ängste oder Scham in sich tragen und daher oft aus dem Bewusstsein verdrängt werden, da es zu anstrengend oder schmerzhaft wäre, sie zum Vorschein zu holen. Allerdings beeinflussen die verbannten Teile sehr häufig aus dem Unterbewusstsein heraus unser Verhalten, unsere Emotionen und unsere Entscheidungen.
Wenn wir diese Persönlichkeitsanteile betrachten und die verschiedenen Stimmen, die skizziert wurden, scheint keiner von ihnen geeignet oder in der Lage zu sein, eine gute Entscheidung zu treffen, welcher dieser Anteile nun recht hat und den Vortritt bekommt. Daher braucht es, wie in jedem guten Team, noch eine weitere Ebene, die als innerer Teamleiter agiert. Im IFS wird diese Ebene als das „Selbst“ bezeichnet. Das Selbst ist die unantastbare, zentrale Mitte unseres Wesens. Es ist von Natur aus ruhig, weise und mitfühlend und als Sitz unseres Bewusstseins verkörpert es innere Klarheit und Stärke. Unser Selbst bleibt immer klar, zuversichtlich und empathisch, stets unbeeinflusst davon, was im Außen geschieht und unberührt von Krisen und Konflikten. In vielen spirituellen Traditionen wird dieses „Selbst“ ähnlich beschrieben wie z. B. als Seele (Christentum), Atman (indische Philosophie) oder Shen (chinesische Philosophie).
Das Selbst kann man daher auch als innere Mitte bezeichnen, welche uns als Quelle von Mitgefühl und Klarheit dabei hilft, unsere inneren Anteile zu führen und schrittweise zu heilen.
Alle Anteile sind willkommen
Wichtig ist dabei, dass keiner der inneren Anteile als schlecht oder gar krank betrachtet wird. Ebenso braucht sich keiner der Anteile aufzulösen oder zu verstecken. Die Beschützeranteile (Manager und Feuerbekämpfer) erfüllen in unserem Leben eine wichtige Aufgabe, indem sie versuchen, uns vor emotionalen Verletzungen zu bewahren. Sie handeln immer aus einer positiven Absicht heraus, auch wenn ihre Herangehensweise häufig eher destruktiv erscheint. In der Arbeit mit IFS geht es vor allem darum, eine neue Beziehung zu diesen inneren Anteilen einzugehen, ihnen einfühlsam und interessiert zu begegnen. Das Ziel von IFS ist, die Absichten und Anliegen der Beschützeranteile kennenzulernen und neugierig zu sein, warum sie ihre Aufgabe auf diese Weise ausüben und welche schmerzhaften Erfahrungen und Belastungen sie möglicherweise in sich tragen. Durch das achtsame und respektvolle Einbeziehen der Beschützeranteile können diese entlastet werden, ihre extremen Verhaltensweisen sich wandeln und sie können Schritt für Schritt heilen.
Selbst-Energie kultivieren
Um in die Arbeit mit den inneren Anteilen einzutauchen, braucht es ein wenig Übung oder Begleitung von außen, die uns hilft, in die Selbst-Energie zu kommen und damit wir erkennen, wie sich ihre Qualitäten anfühlen. Als hilfreiche Wege, um in diese Energie einzutauchen, haben sich z. B. Achtsamkeitsübungen, Meditation oder sanfte Bewegung erwiesen. Für manche Menschen kann es aber auch eine Bergwanderung, eine lange Bahnfahrt, ein Spaziergang oder Musik hören sein. Alles, was uns hilft, aus der Alltagswelt für eine Zeit herauszuzoomen, erleichtert den Blick aus der Selbst-Brille auf die inneren Anteile. Dabei kann es sehr erkenntnisreich sein, die eigenen Reflexionen aufzuschreiben und so Stück für Stück Klarheit über die inneren Anteile, deren Absichten und Anliegen zu gewinnen.
Eine auf diese Weise kultivierte Selbst-Führung kann die innere Ruhe und Balance wesentlich stärken und uns zugleich heiler und resilienter werden lassen.
Autorin
Cäcilia Wallbrecher
Redakteurin Klösterl-Journal und Embodiment-Coach